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Kraftakt im Team


Merian Online, Hong Kong Ausgabe 2003

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Jedes Jahr im November startet in den New Territories, Hongkongs grünem Hinterland, ein Hochleistungssportereignis der besonderen Art: Auf dem 110 Kilometer langen MacLehose Trail wandern Großstädter um die Wette für einen guten Zweck.

Der Gipfel des Tai Mo Shan, dem höchsten Berg Hongkongs, hängt voller Wolken. Die schweren, grauen Schwaden beschränken die Sicht von Peter Ko auf wenige Meter, werden in seinem Haar langsam zu Tropfen, überziehen die halbgeschlossenen Augenlider mit einer feuchten Membran. Bei klarer Sicht würde sich ihm ein 360-Grad Panorama offenbaren, das von der chinesischen Grenzstadt Shenzhen bis zur Insel Lantau reicht. Doch weder Berg noch Mensch interessieren sich heute für die ferne Stadt. Hongkong, die Großstadt ist fern, obwohl nur knapp fünf Kilometer zwischen dem Checkpoint 8 des MacLehose-Trail und den Hochhaussiedlungen Kowloons liegen.

Der Abstieg zum Checkpoint nach 25 Stunden schlaflosen Wanderns ist Quälerei, oder positiv ausgedrückt: pure Katharsis. Kos bandagierte Knie stemmen sich mühsam gegen die Schwerkraft, die riesige Blase am Oberschenkel scheuert bei jedem Schritt, die mit Pflastern umwickelten Zehen pulsieren im Schuh. Dazu die Müdigkeit, die den Körper zum Hinlegen zwingen will. Der 33jährige Angestellte einer Fluggesellschaft wollte sich beweisen, wie jung er noch ist. Jetzt fühlt er sich steinalt. „Der Körper ist zu diesem Zeitpunkt egal“, wird er später sagen. „Es ist nur noch der Geist, der weiterläuft.“

An diesem Samstagmorgen, dem zweiten Tag des jährlichen Wandermarathons „Trailwalker“, hat er bereits 75 Kilometer des insgesamt 110 Kilometer langen MacLehose-Trails hinter sich gelassen. Das Wettwandern ist eine Hongkonger Institution, bekannt und beliebt, weil jeder teilnehmen kann, der sich auf eigene Faust ausreichend vorbereitet.

Hong Kongs ältester Wanderweg

Die Rennstrecke folgt Hongkongs längstem Wanderweg. Sie beginnt an der rauhen Ostküste der New Territories in Sai Kung, von dort schlängelt sie sich vorbei an Stränden und schroffen Klippen, hinauf ins Inland mit seinen einsamen, grasbewachsenen Hügellandschaften, schwingt sich hinab in dichte Bambuswälder, bevor sie am Rande des Wasserreservoirs im westlichen Tuen Mun endet. Den Gouverneur und Namensgeber des Trails, Sir Murray MacLehose, erinnerte die Gegend an die Highlands seiner schottischen Heimat.

Die eintausend Viererteams, ein Fünftel von ihnen Frauen, durchqueren auf dieser Strecke die gesamte Breite der New Territories in durchschnittlich 25 bis 35 Stunden. Dabei zieht sich das Feld der Teilnehmer im Laufe der Nacht weit auseinander. Jeder Vierte gibt auf. Die Ultramarathoniken vom Team Securicor ersprinten sich den Rekord in gusseisernen 12 Stunden und 16 Minuten. Der letzte Wanderer humpelt kurz vor Ablauf der 48 Stunden-Frist ins Ziel. Der von der gemeinnützigen Organisation Oxfam veranstaltete Kraftmarsch lockt nicht durch Preisgelder oder die Möglichkeit, als Einzelkämpfer im Stile von „Iron Man“ zu glänzen. Statt dessen stehen Gemeinschaftsgefühl und Wohltätigkeit im Vordergrund. Im Anschluss an das Rennen hat jedes Team drei Monate Zeit, um mindestens 6000 Hongkong-Dollar an Spenden zu sammeln. Oxfam leitet die Gelder weiter an gemeinnützige Projekte in Afrika und Asien. Über 20 Millionen Euro kamen so in den 18 Jahren seit Bestehen des Rennens zusammen.

Weiterlaufen im Morgengrauen

Am Fuße des Berges, unten am Checkpoint 8, vermischt sich der Regen mit dem Geruch nach Sportsalbe, frischem Rührei und Kaffee. Im Radio läuft wie bestellt „Killing me softly“. Die Rasenfläche mit Blockhütte und Parkplatz ist übersät mit fußlahmen Wanderern und ihren sie pflegenden Freunden, Verwandten und Kollegen. „Ga Yau!“, wird den Wanderern entgegen gerufen, das bedeutet „Kopf hoch!“, aber auch „den Tank auffüllen“. In Hongkong, wo die Liebe mehr als anderswo durch den Magen geht, bedeutet dies vor allem: Essen. Dim Sum, kleine in Nudelteig verpackte Häppchen, gebratenes Rind, Früchte, Eier, überbackener Kartoffelbrei. Oder Congee, weiche Reissuppe, frisch vom Campingkocher zu Peter Kos Füßen. Der sitzt inzwischen verklärt lächelnd auf einem Plastikstuhl und wird von seiner Kollegin Perry, einer Stewardess, massiert. Helen von der Luftfracht schützt beide mit einem Regenschirm. Die beiden Frauen waren im letzten Jahr selbst als Wanderinnen dabei, 29 Stunden und 46 Minuten lang. Seitdem sind sie gute Freundinnen. die sich gerne an den Kraftakt erinnern. Auch wegen des persönlichen Gewinns: „Der Trailwalker ist etwas Besonders. Wenn einem das Leben mal wieder Ärger macht, denkst du einfach daran, wie unmöglich es dir schien”, sagt Helen. „Wie du es dann gemeinsam geschafft hast. Dann scheint plötzlich jedes Problem ganz klein.“

Als Peter Ko aufbricht, bleiben Helen und Perry zurück. In gut zwei Stunden kommt das nächste Team an, das sie betreuen. Derweil fachsimpeln sie ein bisschen über die gesamte Strecke und die letzten 25 Kilometer, die glücklicherweise bergab führen. Es sei wie bei einer Weltreise: „Irgendwann gibt es kein Zurück mehr, weil das Ziel einfach näher ist.“


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