«
»

Blog

Xin Dan Wei – Coworking auf Chinesisch


Die letzten Tage habe ich in einem entzückenden Coworking-Space namens Xin Dan Wei verbracht. Dan Wei nannte man in der VR China die kommunistischen Arbeits- und Wohneinheiten, in denen das alltägliche Leben in der sozialistischen Planwirtschaft organisiert war und die das Individuum klar der Hierarchie der KP unterstellte. Xin bedeutet neu und wird bei Xin Dan Wei im Sinne des Bildes verstanden. Das Ganze befindet sich in einem kleinen sechsstöckigen Haus am Rand der French Concession und die Gründer sind echte Idealisten, die an die Sache des Coworking glauben.

Das Cafe im Erdgeschoss war beide Tage von einem Programmierer-Seminar belegt, lauter Jungs in bunten T-Shirts an Laptops, Code auf dem Beamer, keine Ahnung, worum es ging. Das enge Treppenhaus mit dunkelbraunen Holzstufen windet sich an kleinen Büroräumen und einer vom Dach bis zum Erdgeschoss reichenden Schnitzerei vorbei. Darin u.a. kleine Human Resources Firmen für den Gesundheitssektor, Designer, wie hippe Designer aussehende Mädels mit neongelb-grauen Riesenledertaschen, eine Cestlachine.com genannte Firma, die mit wechselnden Kreativen Konzeptmode mit Referenzen an den traditionellen chinesischen Kulturkanon herstellen und galleriehaft in Popupstores präsentieren. Die übliche Crew an Softwarejungs; alte braune Schreibtische, Klimaanlagen, eine tolle Dachterasse mit Blick über die French Concession und dazwischen überall gemütliche Sofas.

Die Co-Gründerin Chen Xu hat vorher unter anderem als Creative Consultant gearbeitet und kannte sich super mit der staatlichen Politik in Sachen Kreativindustrie aus. Vorher selbst in einem staatlichen “Creative Cluster” angesiedelt, war ihr und ihren Mitgründern der Austausch zu den anderen Firmen dort zu schwach. Mit viel Herzblut und Idealismus betreiben sie den Laden seit etwas mehr als einem Jahr in der aktuellen Location – und legen viel Wert darauf, unabhängig vom Staat und seiner Förderpolitik zu sein.

Über sie habe ich dann auch die Mädels von Cestlachine kennengelernt, mit denen ich im Anschluss an den zweiten Arbeitstag in eines der Creative Cluster, M50, gefahren bin – eine Mischung aus Gallerien und Designstudios, angesiedelt in einer alten, verwinkelten Industrieanlage. Dort fand die Preview zur Kunstmesse SH Contemporary statt und abgesehen von den frühen Anfangszeiten um 17 Uhr war dort alles wie sonst auch in der Kunstwelt – exaltierte Frauen, intellektuelle und ernste Männer, verrückte Vögel, mehr oder weniger spannende Kunst, ein paar Drinks, Chips und Sehen-und-Gesehen-werden.

Im Anschluss saßen wir länger zusammen und haben über Shanghais Kunstszene geredet. Cara, eine kleine sassy Lady mit einem ausgesprochen hübschen Nerdbrillenmodell, grünem Kleidchen und Highheels, ist Kuratorin für Cestlachine. Sie schimpfte in perfektem English über das mangelnde Kunstverständnis der neureichen Chinesen – statt auf die Kreativen im eigenen Land zu schauen, gebe es eine sehr starke Orientierung der Reichen zu internationalen Luxusmarken; die Schulbildung beinhalte kaum Kunst- und Kulturerziehung; und die Finanzkrise von 2008 habe ihr übriges getan, die lokalen Künstler und Kreativen zu schwächen. Als beste Galerie gilt hier ShanghArt, kurz durfte ich dem Kurator Lorenz Helbling die Hand schütteln – unsymphatischer Typ.

Heute war ich dann noch kurz im Tian Zi Fang – einem weiteren Creative Cluster, Wohnviertel gemischt mit kleinen Lädchen und Gallerien. Das Min Sheng Art Museum, was den besten Überblick über moderne Kunst in Shanghai geben sollte, habe ich dagegen nicht gefunden.

 

 

 

 


«
»