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Verschlungene Gärten & alte Wasserstädte


Suzhou wirbt für sich mit dem Slogan “Venedig des Ostens” – und tatsächlich ist diese Stadt im Yangtze-Delta an der Ostküste Chinas von Wasser umgeben. Zahlreiche Seen und Flussausläufer durchziehen die flache Gegend. Viele der Kanäle in der Altstadt sind – wie in Hamburg – der Entwicklung zum Bauland zum Opfer gefallen. Deswegen muss man schon ein bisschen suchen, wenn man als Fussgänger am Wasser entlang durch die Stadt schlendern möchte.

Kunstvolle Verschmelzung von Architektur und Natur

Suzhou ist bekannt für seine traditionellen Gärten. Vier davon gehören zum Weltkulturerbe – und das verdient. Sie sind einfach wunderschön. Viele gehörten reichen Beamten, die sich hinter den Mauern ihrer Anwesen kleine Paradiese schufen. Hier gehen Wohn- und Gartenräume ineinander über. Die Architekten arbeiteten mit kunstvoll geschnitzten Fenstern, die die Pflanzen und Steine vor dem Fenster wie Bilderrahmen einfassen. Geschwungene Wege lassen mit jeder Biegung eine neue Ansicht eines harmonischen Arrangements aus Bäumen, Teichen und skurril geformten Steinen zu. Zwischen den Räumen führen mit Gedichten verzierte Wandelgänge umher.

Drinnen Möbel aus dunklem Holz, an Wolken erinnernde Marmorplatten, Kalligraphien und Rollbilder mit Naturmotiven. Die Gärten spiegelten den kulturellen Kanon ihrer Zeit wieder. Sie sind gebaute Manifestationen bestimmter Geistesrichtungen wie dem Taoismus. Sie wurden nicht nur zum Wandeln und zur Einkehr genutzt, sondern auch als Kulisse für die schönen Künste wie Musik und Gedichtrezitationen. Einer von Chinas Klassikern, der “Traum der roten Kammer” beschreibt diese Zeit in aller Ausführlichkeit.

Denkmalschutz für den Tourismus

Das sogenannte Pingjiang Historic Quarter ist ein weiteres Ziel für den geneigten Kulturtouristen. Dort führen wie früher kleine Sträßchen an Kanälen entlang, überall Teehäuser, Porzellan- und Seidengeschäfte und ein paar junge Ladenbesitzer, die selbstgemachten Schmuck, Kuscheltiere oder Bambusprodukte verkaufen. Die Häuser mit den verwitterten Kalkfassaden und den schwarzen, geschwungenen Ziegeldächern sind zum Teil gut erhalten, in einigen wohnen gar noch Familien.

Insgesamt sieht man aber in der Gegend, dass der Tourismus zu einer sterilen Form des Denkmalschutzes führt, der viel auf hübsche Fassaden und damit Fotografierbarkeit setzt, aber wenig vermittelt und von Imbissen und Schnickschnack-Läden dominiert wird. Doch zumindest handelt es sich hier nicht um den Gruppen- und Tourbus-Tourismus, wie er in Zhouzhuang vorherrscht.

Zhouzhuang – Wasserstadt aus dem Königreich Wu

Zhouzhuang  ist ein der zahlreichen historischen Wasserstädte rund um Suzhou. Eine ehemalige Stadt für Fischer, gebaut im Königreich Wu. Weil sie mit dem höchsten nationalen Tourismussiegel AAAAA kategorisiert ist, muss man ein Ticket kaufen, um sie zu betreten; Anwohner und Angestellte müssen ihre Pässe am Eingang vorzeigen.

Zhouzhuang ist – abgesehen von den vielen Gruppen, die durch die engen Gassen drängen und über die Kanäle geschippert werden – ein visuelles Kleinod mit pittoresken Häuschen, von Weiden überschatteten Kanälen, malerischen Pavillions und geschwungenen Brücken. Auf dem Wasser die traditionellen flachen Boote, die von einem Fährmann mit einem auf der Rückseite betriebenen Ruder bewegt werden. Gegen ein Trinkgeld singen die meist alten Leute traditionelle Lieder – also ganz wie in Venedig. Schön die traditionellen Textilien mit ihrem dunkelblauweißen Mustern – Wolken, Blumen- sehr hübsche Fischerkleidung.

Vergessene Traditionen

Das traditionelle China hat wunderbare Formen und Künste hervorgebracht. Es ist eine Schande, dass diese Schätze in der Kulturrevolution so weitgehend zerstört wurden. Mein Onkel Boon Tong und ich haben in einem Kulturrevolutionsmuseum Verkleidungs-Fotos als Rotgarden mit einem Wachs-Mao gemacht. Das könnte sich doch bei uns keiner vorstellen, 25 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkriegs lustige Fotos mit einer Hitlerfigur zu machen! Der Unterschied mag sein, dass Hitler den Krieg verloren hat und Mao als Volksgott gestorben ist.

Aber die Chinesen wissen auch wenig bis nichts über ihre jüngere Geschichte. Die Regierung unterdrückt Berichterstattung zu Jubiläen der Kulturrevolution, hat nur Jubelgeschichten in den Schulbüchern stehen und bis auf wenige Ausnahmen Gedenkstätten wie etwa die Friedhöfe der Kulturrevolution zerstört.

Menschen, die nicht der Parole des “Wir blicken nach vorne” folgen wollen, werden systematisch in ihrer Arbeit behindert und sogar ins Gefängnis gesteckt. Etwa der Autor Liao Yiwu, der gerade ins deutsche Exil geflohen ist. In seinem Buch “Frau Hallo und der Bauernkaiser” hat er Menschen vom Rand der Gesellschaft interviewt und ihre Erinnerungen aufgezeichnet. Die Geschichten, die sie erzählen, sind haarsträubend. Das Elend der Kulturrevolution, die große Hungersnot nach dem “Großen Sprung nach vorn”, die in einigen Provinzen zu Kannibalismus führte und 30 Millionen Menschen dahinraffte, die Zerstörung sämtlicher Traditionen, Sitten und Wertegerüste. Natürlich kommt man nach dieser Lektüre zu dem Schluss: Das Regime war und ist leider immer noch eine einzige Katastrophe.

Das vergessene Mondfest

Die Konsequenzen für die Kultur spürt man bis heute. Am 12. September war etwa der Abend des traditionellen Mondfestes. Das Mondfest ist eine Art Ernte-Dank-Fest, das stets am Tag des rundesten Vollmondes gefeiert wird (15. August nach dem Mondkalender). Eigentlich ein Anlass für Lichter und Geschichtenerzählen, Romantik und Beisammensein. Doch abgesehen von einem riesigen Absatz an Mondkuchen (traditionelles, rundes und vor allem teures Gebäck) wird es hier kaum zelebriert.

Während in Taiwan die ganze Bevölkerung Feuerwerke abbrennt und Feiertagsstimmung herrscht; in Hong Kong seit Tagen die kunstvollsten Laternen in den Parks aufgestellt sind und Menschen am Strand mit Kerzen zusammen kommen, kann einem in China keiner sagen, was am Mondfest so los ist.

So saß ich dann gestern abend allein in der Wohnsiedlung im Industrial Park und habe mir auf CCTV 9 live die Gedenkfeiern des 11. September angesehen. Nachdem sie vor zehn Jahren nicht wußten, wie sie mit den Breaking News umgehen sollten und den Terroranschlag deswegen ganz hinten im Programm versteckten, wurde diesmal dauerberichtet.


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