«
»

Blog

Städte aus dem Nichts


Man muss sich nur den neuen Bahnhof von Suzhou anschauen, um ein Gefühl für die rasante Entwicklung dieser Stadt zu bekommen. Die Strecke dorthin vom Industrial Park ist bereits eine Reise entlang nagelneuer Highways, die mitten ins Nirgendwo führen. Links und rechts plattes Land, nur ein paar Ruinen verraten, dass hier vor kurzem noch Dörfer standen. Jetzt sieht man dort nur die neue Bahnstrecke auf einer Hochbrücke. Ab und an ein einzelnes Haus, vor dem noch Kleidung zum Trocknen hängt. Die Bürgersteige werden gerade erst mit bunten Steinen belegt, Quader von Backsteinen stehen am Rand, dazwischen ein paar Bauarbeiter. Alles muss dem Fortschritt weichen – dann ragt da mitten im Nirgendwo dieser überdimensionale Bahnhof für den Highspeed Train auf. Unheimlich. So wie auf dem Weg zum Bahnhof sah es auch auf dem Weg in benachbarte Städte aus. Alles neu, leer oder im Bau. Der Fortschritt frißt sich ins Land wie das “Nichts” in “Eine unendliche Geschichte”.

Unmenschlicher Fortschritt

Mein Onkel Boon Tong, vor zehn Jahren hergezogen aus Malaysia, lebt im sogenannten Suzhou Industrial Park District. Eine Satellitenstadt, die neben die in Suzhou angesiedelten Fabriken der Laptopindustrie – Fortune 500 Companies wie Acer und Asus – gebaut wurde. Hochhaussiedlungen und im Bau befindliche Compounds, mehrspurige, nachts ausgestorbene Straßen, dazwischen Rabatten und der ein oder andere See oder Kanal. Menschen sieht man dort kaum, abgesehen von den paar Wanderarbeitern, die morgens neben dem MacDonalds im Kanal ihre Wäsche waschen. Das ist auch das einzige Restaurant weit und breit, wo wir dann regelmäßig gegessen haben, weil man in die nächste Siedlung bestimmt eine halbe Stunde fährt.

Boon Tongs Freundin Lucey wohnt in einer Drei-Zimmer-Wohnung in einer englisch anmutenden Wohnsiedlung, außen top, im Lift blättert bereits die Alufolie ab, drinnen ist alles neu und etwas leer. Die meisten dieser Wohnungen werden mit Möbeln vermietet. Sie hat ihre allerdings gekauft. Wenn man dort nachts aus dem Fenster blickt, dann sieht man nur ein paar Laternenreihen in der Ferne, Wind weht vom nahe gelegenen See herüber. Man hat das Gefühl, allein auf der Welt zu sein.



Für Vollbild doppelt auf die Slideshow klicken

Immobilienboom und mosernder Mittelstand

Gestern abend waren wir bei ihren Verwandten zum Abendessen eingeladen – es gab Hairy Crabs, also eine lokale (sehr teure) Krabbenspezialität, die Krabben haben haarige Greifer, man knackt sie auf und drinnen ist alles gelb und schmierig. Eine Riesensauerei, weswegen der Tisch vor dem Essen auch einfach praktisch mit einer Plastikfolie bedeckt wird. Die beiden Töchter wohnen bei den Großeltern um die Ecke, die Eltern haben rechtzeitig vor dem Immobilienboom ihre Wohnungen gekauft – der Quadratmeterpreis stieg in den letzten zehn Jahren von 2300 Yuan pro Quadratmeter auf 8-9000 Yuan. Seit 2001 wohnen sie in dieser niedrigen Siedlung am Rand der Altstadt von Suzhou.

Der Mann, der für das städtische Gartenbauamt Pflanzen in der Stadt herumfährt, erzählte aber wehmütig von seinem ehemaligen Dorf. Es musste Industrieanlagen für kleine und mittelständische Unternehmen weichen. Das gesamte Dorf wurde also von der Regierung umgesiedelt, sie bekamen Kompensationen und konnten sich neue Wohnungen kaufen. Nun kenne er seine Nachbarn nicht mehr, erzählte er. Hätte er früher von einer Ausländerin Besuch bekommen, das ganze Dorf hätte innerhalb einer halben Stunde auf der Matte gestanden und sich dazugesetzt. Vorbei die Zeiten, wo man mit einer Schüssel Reis und etwas Fleisch zu den Nachbarn ging und sich dort mit an den Tisch setzte, dann zum Quatschen ein Haus weiterzog.

5 Tage Gefängnis statt Rule of Law

Sein Bruder wurde ebenfalls aus seinem ehemaligen Haus vertrieben. Die Regierung riß das Haus ab, weil man eine Tempelanlage renovieren wollte. Der Bruder zog dreimal nach Peking, um nach Jahrhunderte alter Methode eineshanfang genannte Petition bei den zuständigen Zentralbehörden einzureichen. Außerdem nahm er sich mit 3 Freunden gemeinsam einen Anwalt für 200.000 Yuan, um die Entschädigungszahlungen von einem nicht annehmbaren Maß auf 1 Million Yuan hochzutreiben. Er wurde zweimal zurückgeschickt und saß für seinen Protest 5 Tage im Gefängnis, beim dritten Mal hatte er Erfolg, ein Anruf aus Peking rief die lokalen Behörden zur Raison und er bekam seine Entschädigung.

Die Regierung wird sich nicht mehr lange halten, motzte Luceys Onkel. Die Korruption sei unerträglich und der Mittelstand wolle das nicht länger hinnehmen. Konkreteres war allerdings aus seinem Mund nicht zu vernehmen. Das Bewußtsein der Chinesen über das, was schiefläuft, übersteigt ihre Organisationsfähigkeit. Kein Wunder, dass die Regierung versucht, die Organisation von Leuten über das Internet mit allen Mitteln zu unterdrücken. Denn die Unzufriedenheit ist bei vielen Leuten hoch, gleichzeitig dominiert aber das Gefühl, man könne als einzelner nichts tun. Würde jemand die Initiative ergreifen, ließen sich sicher viele Menschen mobilisieren. Zudem scheint es Usus zu sein, Revolutionen im Keim zu ersticken, in dem man mögliche Rädelsführer im Auge behält und bereits erst Anzeichen einer Bewegung durch Bestechungen, Drohungen und Repressionen zu ersticken. Diese Praxis wird laut Philip Pans sehr empfehlenswertem Buch “Out of Maos Shadow” von erfolgreichen Unternehmern, von der Polizei und lokalen Kadern angewendet.

Zentralistische Stadtplanung

Man fühlt sich einfach klein in China. Die zentralistische Planung führt dazu, dass überall im Land neue Viertel wie der Industrial Park oder der New District von Suzhou entstehen – mehr oder weniger ges(ch)ichtslose Siedlungen, deren Highlights große Luxusshoppingmalls mit Imax-Kino, KFC und Starbucks sind.
Suzhou hat seinen New District immerhin in Kooperation mit Singapur entwickelt. Dementsprechend sieht es dort am Kanal auch aus – mit beleuchteten Brückenunterführungen und ein paar hübsch geschwungenen Fassaden.

Trotzdem: Diese Viertel sind zehn Jahre nach ihrer Gründung immer noch zu leer für China. Man fühlt sich schnell verloren in den leeren, glänzenden Fluren der Malls, zwischen den halb gefüllten Restaurants oder unter dem “längsten” Out-Door-Screen Asiens. Die Regierung unterbindet jegliche Form des Straßenhandels, anders als in Südostasien gibt es nirgends offene Foodcourts mit Imbissständen, Straßenstände oder sonstiges, was die Straßen lebendiger machen würde. Nur in der Altstadt findet sich ein lebendiger Einzelhandel mit kleinen, inhabergeführten Geschäften. Doch dazu später mehr…


«
»