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“Ob ihrs glaubt oder nicht – ich glaube es” (Internet Teil 2)


Dieser Blogpost musste noch ein bisschen hängen – deswegen ist er nicht mehr ganz aktuell: Wang Yongping, Pressesprecher des Ministeriums für Schienenverkehr, wurde vergangenen Dienstag gefeuert. In den Tagen davor war Wang zum Gespött geworden, weil er bei einer Pressekonferenz zum Zugunglück in Wenzhou unprofessionell reagierte und unsouveräne Antworten gab. In den Trümmern wurde ein kleines Mädchen geborgen, nachdem die Regierung die Rettungsarbeiten beendet und alle Vermissten für tot erklärt hatte. Darauf angesprochen, bezeichnete er das Auffinden des Mädchens zum Ärger der anwesenden Journalisten als “Wunder”. Die Wracks wurden sodann mit Erde “begraben”. Nachdem Wang diese Maßnahme als “Unterstützung der Rettungsarbeiten” verteidigte, rettete er sich schließlich mit dem Satz: “Ob ihrs glaubt oder nicht – ich glaube es”. Der Satz entwickelte sich schnell zu einem Internetmem in Chinas Mikroblogs.

Der Rausschmiß von Wang Yongping ist ein Indiz dafür, welche Macht inzwischen von kritischen Journalisten und den rund 200 Millionen Weibo-Bloggern ausgeht. Ein weiterer Fall waren die Demonstrationen vor einer erst zwei Jahre alten Chemie-Fabrik in Dalian. Mehrere 10.000 Menschen hatten dort nach einem Dammbruch aus Angst vor Sicherheitslücken demonstriert – obwohl es offiziell keine Berichterstattung über den Fall geben sollte, verbreiteten sich die Fotos in Windeseile im Netz. Ein paar Tage später gab die Regierung von einem Tag auf den anderen die sofortige Schließung bekannt.

Es verwundert also nicht, dass in der letzten Zeit mehrere kritische Artikel zum Thema Weibo in den Staatsmedien erschienen sind. So auch in dem dritten Text, den ich bei der Beijing Review zum Übersetzen bekam. “Fighting Fake News”, das Thema: Wie der Anbieter des größten Mikroblogdienstes Weibo und “unabhängige Mitglieder der Ziviligesellschaft” gemeinsam gegen “hysterische Gerüchte” im Internet vorgehen. Am Anfang hatte ich nur eine Verständnisfrage – aber je mehr ich mich mit dem Thema beschäftigte, desto mehr entpuppte sich der Text des chinesischen Autors als problematisch.

Zum Einen ergaben Nachfragen, dass der Autor seine Informationen aus anderen Medien bezogen hat, anstatt selbst zu recherchieren. Gut, sowas kann in deutschen Medien auch passieren. Zweitens folgt der Text einer Argumentationslinie, die in den letzten Tagen überraschend oft in den hiesigen Staatsmedien zu lesen war und die im wesentliche Weibo als verlässliche Informations-Quelle diskreditiert.

Anstatt also beispielsweise die Ursachen für soziale Unruhen oder Kritik durch die Bevölkerung etwa im problematischen Umgang der Polizei mit Wanderarbeitern zu suchen bzw. diese als legitim zu erachten; oder die Tatsache anzuerkennen, dass Gerüchte oft einen wahren Kern haben und ihren Nährboden in einem wegen der allseits bekannten Zensur nicht vertrauenswürdigen Mediensystem finden; statt also eine ausgewogene Meinung zu entwickeln, feierte der Artikel die Bemühungen der Anti-Gerüchte-Teams unreflektiert ab – am Ende war das Propaganda.

Nach einem Gespräch mit meiner sehr netten Kollegin Xu Bei habe ich dann den Text stellenweise überarbeitet – war damit aber immer noch so unzufrieden, dass ich ihn am Ende so weit umgeschrieben habe, dass sich der Sinn des Artikels  komplett gewandelt hatte und er wahrscheinlich nicht mehr erscheinen wird.

Viele Chinesen beschweren sich darüber, dass der deutsche Journalismus grundsätzlich zu kritisch sei und gegenüber der Meinung die Fakten zu kurz kämen – aus deutscher Perspektive wiederum fehlen in vielen chinesischen Texten Einordnungen und eine klare Haltung. Chinesische Texte sind oft sehr zahlenlastig und mitunter detailverliebt, wobei der Journalist auch auf sinnliche Eindrücke, szenische Einstiege und eigene Gedanken verzichtet. Für Deutsche sind solche Texte oft sehr langweilig zu lesen – mal ganz abgesehen von der politischen Ebene, wo das Fehlen der eigenen Haltung (ob bewußt oder unbewußt, sei mal dahingestellt) eben auch die Übernahme eines herrschenden Diskurses bedeutet – der oft mit den Interessen der Regierung gleichzusetzen ist. Ich werde versuchen, die drei Versionen zum Vergleich zu posten.


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