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Hong Kong


Hab ich erwaehnt, dass ich schon seit einer Woche nicht mehr in Peking bin? Nach einem herrlichen Abstecher in die beruehmte Karstberg-Landschaft rund um Guilin (auf jeder 20 Yuan Note zu sehen) bin ich gerade in meiner alten Studienstadt Hong Kong.

Geschrieben habe ich neben der schlechten Infrastruktur auf Reisen, Recherche und Produktionsphasen aber auch deswegen nicht, weil ich mit dem Entwurf meiner finalen Analyse von Chinas Propaganda und ihren Folgen für die Mentalität der Chinesen an Laenge und Komplexitaet des Themas gescheitert bin. Der Entwurf liegt nun auf der Festplatte und wartet auf Fertigstellung – leider bleibt das Thema ja weiterhin aktuell. In Kurzform: Propaganda wirkt, sogar bei mir.

Mein Stück über die Weibos auf Deutschlandradio ist erschienen, hier kann man es anhören. Vor allem die Selbstzensur des Unternehmens Sina.com und weitere Regulierungspläne der Regierung im Netz sind leider hochaktuell und dominieren den Alltag der Mikroblogger.

Ganz anders dagegen Hong Kong: Es ist sehr erfrischend, mal wieder mit Chinesen zu sprechen, die tatsächlich kritisch denken und politische Forderungen stellen können, ohne Angst vor Repressionen zu haben. Nach einer Nacht im Sleeperbus von Yangshu nach Shenzhen und gleich nach meiner Ankunft in Hong Kong am Sonntagmorgen bin ich auf eine Demonstration gegangen.

Etwa 3000 Hong Konger protestierten an diesem Tag gegen die Nominierung von Stephen Lam als Chief Secretary – ein beliebter Slogan der Demonstranten lautete übersetzt: „Schwanzlos“ oder „Eunuch“. Lam ist einer der unbeliebtesten Politiker in Hong Kong und gilt als “Lautsprecher” der Regierung in China. Dennoch hat Lam jetzt die zweitwichtigste politische Position in Hong Kong. Die Demonstranten protestierten dagegen, dass ihnen ein höchst unpopulärer Politiker vor die Nase gesetzt wurde – ein Zeichen dafür, dass Hong Kong von einer Demokratisierung weit entfernt ist.

Eine Gruppe, die besonders ins Auge fiel und viel Presse abgegriffen hat, waren Vertreter der sogenannten V-Groups sowie das Hong Kong Autonomous Movement – zwei Beispiele für junge Aktivistengruppen, die sich in Hong Kong für die Demokratie und gegen die Einmischung Chinas in die gesetzlich garantierten Freiheiten Hong Kongs einsetzen.

Die V-Groups greifen einen internationalen Trend auf – sie tragen Guy Fawkes-Masken aus dem Film V wie Vendetta. Ein Mitglied dieses informellen und dezentral über Facebook organisierten Netzwerkes stürmte im September eine öffentliche Anhörung in Hong Kong, brach durch die Polizeiabsperrung und sprang dem führenden Politiker auf den Tisch. Seitdem wird die Gruppe immer populärer, wobei es keine zentrale Organisation gibt und unterschiedliche Cliquen, die sich selbst zu dem sogenannten „Anonymous Movement“ hinzuzählen. Einen dieser V-Grouper habe ich gestern in seinem Studio in Kowloon besucht.

Ein Gespräch mit einer Mitgründerin des Hong Kong Autonomous Movement und mit einer Professorin an der Hong Kong University (meiner alten Uni) waren ebenfalls sehr aufschlussreich. Zwischen diesen Interviewterminen habe ich noch an einer Geschichte ueber Wanderarbeiterkinder in Caochangdi (dem Wohnort von Ai Wei Wei) gearbeitet. Fuerchterlich, diese Abhaengigkeit vom Internet. Zum Glueck gibt es ja nicht nur meine gute alte Freundin Ay Lin, die mir ihr Sofa und ihren Laptop geliehen hat, sondern auch meine Hamburger Bekannte Nora, momentan Phd-Researcherin an der HKU, die mir heute ihr Wohnzimmer zum Arbeiten gestellt hat. Coworkingspaces, her mit euch! Ihr werdet dringend in HK gebraucht.

Nun bereite ich mich auf meine Abreise nach Shenzhen vor – dort werde ich ab morgen für einige Tage die Mobiltelefonindustrie und den aktuellen Stand der Sonderwirtschaftszone unter die Lupe nehmen. Von da aus geht es weiter nach Yunnan, wo ich meine Eltern treffen werde und fünf Tage zur Reisebustouristin werde: Lijiang, Dali, Kunming.

 

 


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