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Gogogo! Time is tight!


Still wie eine Nacht im Hutong war es in den letzten zwei Wochen hier. Grund ist das Vollzeitprogramm aus Vortraegen und Hintergrundgespraechen, endlosen U-Bahnfahrten und Taxischleichen ueber Pekings ueberfuellte Ringstrassen; unterwegs bin ich meist von morgens um acht bis abends um halb 12. Unmoeglich, all die Informationen nur annaehernd sacken zu lassen, geschweige denn nachzuarbeiten und daraus Texte zu machen.

Verschaerft wurde dieses Vollzeitprogramm durch unsere einwöchige Exkursion in die Provinz Henan – organisiert vom Journalismusdepartment der Tsinghua Universität und Standing-Committee-Mitgliedern und Propaganda-Beauftragten der KP aus der Provinz Henan, den Staedten Nanyang und Zhengzhou, dem County Xixia sowie der Henan-Daily-Newspapergroup.

Fun Fact: Die Henan Daily ist mit einer Auflage von 11 Millionen Exemplaren uebrigens eine der groessten Zeitungen der Welt. Der Onlineauftritt der Dahe Daily erreicht taeglich ueber 130 Millionen Leser, einen Grossteil davon auf Mobiltelefonen.

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Der Chef der Henan Daily hat seine Buddies überall sitzen: Sie leiten jetzt Song-Dynastie-Themenparks, das Shaolin-Kloster und haben gute Verbindungen zu Modell-Dörfern oder der größten Fabrik für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) Asiens. Sie verdoppeln wie mit dem Bauprojekt Zhengdong New District mal eben eine Millionenstadt oder bauen ein disneyfiziertes Shopping-Paradies für den hierzulande durch die Decke schießenden Jadehandel.

Ein typisches Tagesprogramm für die Hao Pengyou (guten Freunde) aus Deutschland sah den Besuch von Chemie- und Autoteilefabriken, Museen und Tempelanlagen, einem Dinosaurier-Eier-Park sowie vor allem eins vor: Essen und Bai Jiu (Schnaps) Trinken.

Stets in üppig dekorierten Räumen wurden Berge von Essen aufgetischt, für die Raucher lagen auf den Rundtischen mit den genau abgezählten und mit Namensschildchen versehenen Plätzen Zigaretten mit golden glitzernden Filtern bereit. Nach der üblichen Begrüßung durch einen oder mehrere lokale Vertreter der Städte wurde schon während der Vorspeisen das Schnapsglas erhoben und auf die “goldene Brücke der Freundschaft” angestoßen. Anschließend standen die Vertreter von ihren Plätzen auf und wanderten mit der Schnapsflasche in der Hand von Person zu Person; mit mal höflichem Smalltalk, mal nur karg verdecktem Desinteresse wurde dann einzeln mit einem Gan Bei (Schluck weg auf Ex) die Freundschaft besiegelt, Kärtchen ausgetauscht und sich einander großes Wohlwollen versichert. Auch gerne Mittags.

Lerneffekt: Man trinkt hier entweder ganz oder gar nicht. Frauen dürfen Schwangerschaftspläne, Männer generelle Abstinenz oder Krankheiten mit Medikamenten vortäuschen; wer jedoch einen Schluck nimmt, öffnet dem Teufel die Tür. Ein guter Gastgeber läßt dann nicht locker, bis der Gast mindestens 4-10 Kurze hintereinander weggekippt hat.

Dabei faellt mir ein Angestellter des chinesischen Aussenministeriums ein, den ich neulich nachts in einer Bar traf und mit dem ich weiterzog und bis zur ersten Nudelsuppe morgens um halb sechs durchquatschte. Der 27jaehrige, der aussah wie 38 und reichlich betrunken war, erzählte von seinem Job: Er unterstützt in Afghanistan, Pakistan, Indien und Russland die Anti-Terror-Politik der chinesischen Regierung mit gut platzierten Geschenken. Vor Ort habe er bei den Banketten zinslose Kredite mit Summen bis zu einer Milliarde RMB im Gepäck, die Afghanen hätten zusätzlich gerne auch Ipads oder sonstige Goodies – dafür sichern sie dann gerne ihre Unterstuetzung zu. Seit einem halben Jahr habe er keinen freien Tag mehr gehabt, klagte er – und durch die vielen Bankette und das Schnapstrinken habe er 20 Kilo zugenommen. Morgens um 5 zeigte er mir auf seinem Smartphone ein Foto, wo er mit durchtrainiertem Oberkörper im Schwimmbad zu sehen war. Ein Knopfdruck, das Bild verschwand – und dann stand da vor mir wieder ein aufgeschwemmter, rundgesichtiger Chinese mit Stoppelschnitt, Brille und blauem Poloshirt. Ein parteitreuer Funktionaer, der davon traeumte, aus dem Dienst auszusteigen und ein eigenes Restaurant zu eroeffnen; der vor einem Streit mit seiner Freundin ins Hotel gefluechtet war und der am naechsten Tag zu seiner Familie nach Hunan fahren wollte.

Doch zurück zu uns, den VIPs dieser kleinen Exkursion: Warnblinklichter und Hupen signalisierten beim Konvoi-Fahren durch die Provinz unseren hohen Besuch, Willkommensbotschaften blinkten von LED-Laufbändern an Hotelfassaden und in den Lobbies von Fabriken. Dazu die ständige Paparazzi-Begleitung durch mehrere Fotografen und Kameraleute (Ah, die Deutschen schauen sich Jade an – Blitzlichtgewitter; Oh, sie schauen sich das Stadium an – Blitzlichtgewitter; OHA, sie reden mit Einheimischen – Ranzoom der Fernsehkameras). Zusätzlich wurde jede Station mit einem weiteren Gruppenfoto abgeschlossen. Wer wird sich diese unzähligen Fotos und Stunden von Filmmaterial anschauen?

Zum auf der Zunge-Zergehen-Lassen noch einmal das 5-Tages-Programm in Kürze (ohne die Bankette):

  • Nanyang – Baihe River, Neubau des Stadions für die 7. Peasantry Games, Tempel; Pyrographische Werkstatt, Jadeshop, Druckplattenfabrik, Han-Dynastie-Museum, Zhenping International Jade City
  • Xixia: Kiwiplantagen-Modelldorf, historischer Magistrats-Sitz, Wasserpumpenfabrik, TCM Fabrik, Dinosaurier-Eier-Park
  • Kaifeng – historische Parkanlage, Song-Dynastie-Themenpark, Chemiefabrik, Song-Dynastie Gala mit 700 Statisten
  • Zhengzhou – Zhendong New District, Hotel, Karaoke, Bar
  • Shaolin Temple, Gelber Fluss, Denkmal, Shaolin Musical Show

Gelernt habe ich über die einzelnen Stationen wenig – mal lags an der holprigen Übersetzung, mal am Bai Jiu-Kater, mal an der Übermüdung oder am Informationsoverkill. Anhalten, zuviele Fragen stellen, alleine herumlaufen, stehenbleiben, aufs Klo gehen – all das brachte sofort den engen Zeitplan durcheinander und führte dazu, dass die Busfahrer grummelig winkten, aufgeregte Bespaßer uns herankommandierten und die per Headset verstärkte Stimme der Hostess im rosa Kostüm kippte: “Gogogo! Time is Tight!”

Dennoch hat die Provinz Henan für mich an Konturen gewonnen. Ob wir später den Zugang finden werden, wenn wir bei einem anderen Besuch die Visitenkarten hervorkramen und die beim Bankett gewonnenen Kontakte anrufen? Werden sie uns dann bei der Recherche helfen? Wir werden sehen.

Und jetzt heißt es wieder: “Gogogo! Time is tight!”


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