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Ein typisches Pekinger Wochenende


Dieses Wochenende begann für mich mit diesem Film – Last Train Home. Ich hatte den Regisseur Lixin Fan im Bookworm Cafe kurz kennengelernt. Zufällig fand ein Screening seines Films im Kino gegenüber von unserem Wohnblock statt – übrigens Chinas erstes Arthouse-Kino Broadway Cinemateque, ein Ableger des Hong Konger Kinos samt Cineastencafe, Bibliothek und dem Kunst-Buchladen.

In dem Dokumentarfilm wird das Leben einer Wanderarbeiter-Familie eingefangen. Die Eltern verliessen ihr Dorf in der Provinz Szechuan schon früh, um in einer Textilfabrik in Dongguan zu arbeiten. Zurück liessen sie ihre einjährige Tochter, die bei den Großeltern aufwächst. Der Film begleitet die Familie über einen Zeitraum von 3 Jahren. Aufhänger ist die Heimreise der Eltern zum Neujahrsfest – die einzige Gelegenheit, die Kinder zu sehen. Wie Millionen von anderen Wanderarbeitern nehmen sie die strapazenreiche Reise mit dem Zug für ein paar kurze Momente Familienglück in Kauf. Doch die Kinder, für deren Ausbildung sie bis in die Nacht in der Textilfabrik schuften, haben keine emotionale Bindung zu ihnen. Besonders die 16jährige Tochter kann mit den Ermahnungen der Eltern, mehr zu lernen, wenig anfangen. Lieber verläßt die Schule und arbeitet ebenfalls in einer Fabrik und später in einem Nachtclub in Shenzhen. Am Ende kehrt die Mutter zu ihrem Sohn zurück, um seine letzten Jahre an der Schule zu überwachen; ihr kranker Mann muss nun alleine das Geld für die Familie aufbringen.

Ein trauriger Film, der den ganzen Tag nachklang. Ich lebe hier im Moma jetzt in einer Gated Community – es gibt Wächter, die die Tür zum Compound bewachen und einen, der einem immer die Tür zum Hochhaus aufhält, eine Keycard für die Tür zum Lift, einen eigenen See zwischen den 10 Hochhäusern, zwei Supermärkte, ein Fitnessstudio und eben das Kino.

Von hier aus ist man in zehn Minuten in Sanlitun, einem der zentralen Sammelstellen für Pekings Expats und die urbane Elite. Dort kann man neben gutem Wein, Luxusmarken und Iphones aus Chinas erstem (und echtem) Applestore etwa einen Crepe in einem französisch anmutendem Cafe bekommen. Zwischen den ganzen Konsumenten und Stylern läßt sich leicht vergessen, dass Hunderte Millionen Chinesen sich diesen Lebensstil nicht im Ansatz leisten können. In “Last Train Home” erzählt der Familienvater, er habe sich in einer Notlage von seiner Schwester 50 Yuan (umgerechnet ca.  5 Euro) leihen wollen. Sie verneinte aus Angst, das Geld nicht zurück zu bekommen. Ich habe soviel für mein Frühstück ausgegeben.

Die Armut ist in China nicht so sichtbar und wohl auch nicht so schlimm wie in Indien. Dennoch stolpert man immer wieder über Flaschensammler, Bettler und gestern habe ich einen Mann gesehen, der vor einem Obstladen kauerte und Wassermelonenstücke direkt aus dem Müll auf der Straße aß.

Für mich stellt sich die Frage, inwieweit ich als Journalistin einem Land nah kommen kann, in dem noch immer 90 % der Bevölkerung auf dem Land lebt, rund 200 Millionen Wanderarbeiter ein vergleichbares Leben wie die Familie aus dem Film führen; das von einer für Normalsterbliche unsichtbaren Elite und einer undurchsichtigen Partei mit 80 Millionen Mitgliedern regiert wird und in dem eine Sprache gesprochen wird, für die ich mindestens ein volles Jahr bräuchte, um die Grundlagen zu schaffen und etliche mehr, um selbst Interviews zu führen. China scheint mir eine Lebensaufgabe. Aber hier leben?

Mal sehen, ob der chinesische Traum mich packt, in dem China als Land der Möglichkeiten erscheint. In einem weiteren Film, den ich heute abend sah, porträtierten junge Filmer 12 Chinesen, die in kreativen und sozialen Berufen Besonderes geleistet haben. Der Film war eine Art Appell an junge Chinesen, sich jenseits eines schnöden Materialismus sinnvolle und erfüllende Berufe zu suchen. Das diese Filme ihr junges Publikum finden, ist beruhigend. Dazu ist Peking sehr international, die Aufbruchsstimmung überall spürbar – und es gibt natürlich unendliche viele Themen und mögliche Aufgaben.

Da ich diese Frage jetzt nicht klären kann, ein kurzer Recap meines gestrigen Abends. Nach einem Essen beim Japaner auf einer Dachterasse in den Hutongs folgte der Besuch einer von Woody Allen adaptierten Liebeskomödie mit Bruce-Lee-Einlagen. Das ganze fand im Penghao Theatre statt, einem kleinen Offtheater mit interkulturellem Ansatz. Danach das Konzert einer mongolischen Oberton-Folkband unter roten Lampions, gefolgt von einem Spaziergang zum Wudaoying Hutong. Dort traf ich auf meinen alten Hong Konger Freund Fai – nachdem ihm sein Job beim Luxusladen Lane Crawford zuviel wurde, hat er jetzt mit seiner reizenden Freundin einen Hutong-Laden für Vintagemöbel und Wohnaccessoires eröffnet; dort saß ich dann in der lauen Nachtluft auf der kleinen Holzterasse und schwelgte beim Bier in Erinnerungen über das effiziente Verkehrssystem Hong Kongs. Zuguterletzt noch einen kleinen Club dort auf der anderen Straßenseite entdeckt, wo der Eintritt frei ist und öfter mal elektronische Musik läuft. Weswegen mein Plan, heute morgen gleich mit dem Chinesisch-Lernen anzufangen, leider gescheitert ist. Aber dafür habe ich meine erste SMS mit chinesischen Schriftzeichen verfaßt – 不错.

 


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