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Chinas Internet (1)


In den letzten Tagen habe ich erstmal eine kleine Infrastruktur errichtet – einen Fön und ein Fahrrad gekauft (neu für 290 RMB – etwa 30 Euro) und das VPN eingerichtet. Dieses Virtual Private Network ist ein Internettunnel, mit dem man hinter die große Firewall kommt. Normalerweise sind für die meisten Chinesen 100.000de Seiten gesperrt – darunter Facebook, Twitter, Medienseiten und dergleichen. Die Regierung zensiert auch ganze Fernsehsendungen – eine Freundin sah gerade CNN, als der Bildschirm für eine halbe Stunde schwarz wurde – es kam wohl eine kritische Sendung über China.

Mit Medienkompetenz läßt sich die Zensur umgehen

VPNs werden auch von medienversierten Chinesen genutzt – nach Schätzungen unseres Speakers, dem Blogger und Kolumnisten Michael Anti, sind das jedoch weniger als 0,5 % der rund 500 Millionen Internetnutzer. Unter anderem, weil die Einrichtung eines ausländischen VPN-Dienstes den Besitz einer Kreditkarte vorraussetzt – das Kreditkartensystem in China ist bislang nicht sonderlich ausgeprägt. Wer kein VPN hat, muss sich auf ein Katz- und Mausspiel mit den Zensurbehörden einlassen. Beispiel: In den letzten Tagen ging hier das Gerücht um, dass der ehemalige Präsident Jiang Zemin gestorben sei. Die Selbstzensoren bei Weibo versuchten dieses Gerücht zu unterdrücken, indem es das Radikal für “Fluss” (Jiang) blockierte. Die Nutzer versahen den Namen also mit Sternchen **, so dass ein nichtindexierter Begriff entstand – und setzten so Klatsch und Tratsch fort.

Chinesische Mikroblogs – Alternativen zu Facebook und Twitter?

Inzwischen nutzen etwa 1/3 der Chinesen – vor allem die Elite und die jungen Leute – das Netz. Rund 200 Millionen Menschen benutzen Mikroblogs – das sind die chinesischen Varianten von Facebook und Twitter. Diese sind seit den Unruhen in Xinjiang im Juli 2009 blockiert. Facebook heißt hierzulande also Renren (“Leute-Leute”) oder Kaixin001.com, das chinesische Twitter Weibo – letzteres bietet wie Google+ die Möglichkeit, zusätzlich Bilder und Dokumente auszutauschen. Die Unternehmen setzen auf Selbstzensur, um am chinesischen Markt tätig zu sein. So sind bestimmte Begriffe wie Politiker- und Dissidentennamen oder Reizworte wie Tiananmen oder Tibet nicht suchbar – und damit die Mobilisierung sozialer Bewegungen erschwert, wie sie die Regierung seit der Jasminrevolution fürchtet.

Offizielle sprechen inoffiziell

Die meisten dieser Infos haben wir von den Speakern in unserem Programm erfahren. Seit zwei Tagen sind wir tagsüber an der School of Journalism der Tsinghua University – Pekings renommierter Elite-Uni. Man wird nicht müde zu betonen, dass im Nebenhaus Hu Jintao Chemical Engineering studiert hat – so wie geschätzte 50 % aller chinesischen hohen Tiere auch. Alle Sprecher waren bisher Chinesen; darunter der Direktor des Journalismusprogramms, ehemaliger Morning-News-Presenter des chinesischen Staatssenders CCTV, der u.a. auch mal Bürgermeister einer “kleinen” Stadt – also so rund 5 Millionen – war. Zu Gast war aber auch schon Blogger und Kommunist Michael Anti und ein chinesischer Reuters-Reporter.

Freie Meinung oder KP-Linie?

Der erste Eindruck ist ambivalent. Zwei der vier Sprecher waren praktizierende Journalisten, zwei andere arbeiten an der Universität. Unabhängig davon äußerten sich einige sehr freimütig, andere vertraten eindeutig die Parteilinie. Da die Partei jede öffentliche Institution – von Gewerkschaften über Kindergärten bis hin zu den Staatsunternehmen oder eben den Universitäten – stets mit einer Doppelspitze aus administrativer Kraft und Parteisekretär besetzt, kann man davon ausgehen, dass die offiziellen Vertreter (aber genauso Chefredakteure der Medien, für die wir arbeiten werden) in enger Verbindung zur KP stehen. Tatsächlich ist es sogar so, dass die führenden Positionen in Universitäten, Staatsunternehmen und staatlichen Medien (und das sind fast alle) von der KP ausgesucht bzw. abgenickt werden müssen – sie sind alle Teil eines feinmaschigen Machtsystems und können ebenso wie politische Ämter Teil einer KP-Karriere sein. Genauso wie wichtige Positionen in der Politik gehen sie mit zahlreichen Vergünstigungen wie kostenloser Wohnung, Auto und lebenslanger sozialer Absicherung einher.

Unabhängig davon betonten aber alle Sprecher, dass das chinesische Mediensystem sich öffnet und insbesondere das Netz und die Netizens sich nicht mehr wirklich kontrollieren lassen – und diese Gruppe immer stärkeren politischen Einfluss ausübt. Darüber bald mehr.


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